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Predigt zur Sterbestunde Jesu Karfreitag 2007                (Pfarrer Stefan Wohlfarth)



Predigttext: Mathäus Kapitel  27        

Wenn du Gottes Sohn bist, hilf dir selbst, und steig herab vom Kreuz!
So rufen die Gaffer und Schaulustigen unter dem Kreuz.
So eine Kreuzigung ist für viele Menschen ein schauriges Spektakel, dass man sich nicht entgehen lassen will. Man geht vorbei und kommentiert aus sicherer Distanz, was da geschieht.
Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen.
Er soll vom Kreuz herabsteigen, dann werden wir an ihn glauben.
Diese Vorübergehenden, die ihren Kommentar abgeben, das sind die, die heute immer noch am häufigsten vorkommen. Menschen, die das Leid eines Menschen zum Anlaß nehmen für ihre klugen Bemerkungen, ihre Besserwisserei, ihren Zynismus. Menschen, die sich selbst nicht die Finger schmutzig machen, mit Neugier und kaltem Interesse die Szene verfolgen, ohne Mitgefühl und Erbarmen.
Alles, was an menschlicher Niedertracht und Verrohung möglich ist, findet hier unter dem Kreuz statt.
Was Menschen sich antun können, das verdichtet sich hier.
Alles, was uns an Bösem und an Ohnmacht im Leid widerfahren kann, ist hier schon geschehen.
All das geschieht an dem Gekreuzigten, unter ihm und mit ihm.
Anderen hat er geholfen! Das erkennen seine Spötter sogar an.

Das Eigenartige daran ist: in ihrem Spott und Hohn erinnern sie an etwas tief Wahres, an das Evangelium, die frohe Botschaft Jesu, an sein Handeln, mit dem er Gottes Liebe unter den Menschen ausgeteilt hat.

Derjenige, der Ausgegrenzte in die Gemeinschaft zurückholte, der Aussätzige rein machte, Blinde sehend, Lahme gehend, Sünder frei sprach und ins Leben zurückholte, der Tote auferweckte, hängt nun selbst totgeweiht am Kreuz.
Anderen hat er geholfen, sagen seine Spötter, und kann sich selber nicht helfen.  Aber was sie nicht wissen und auch wir nur glaubend erahnen können: Nirgendwo ist Jesus uns so nahe gekommen, hat er uns so sehr geholfen, wie dort am Kreuz, als er sich selbst nicht mehr helfen konnte.
Das Kreuz Christi ist für uns die Wunde der Welt geworden. In dieser Wunde sehen wir alles Leid und Unrecht dieser Welt. In ihr erkennen wir uns selbst auf unseren dunklen Wegstrecken, in unseren Ängsten und Schmerzen, in unserer Ohnmacht.
Mal schlagen wir Wunden und mal empfangen wir Wunden. Wir stehen als Schächer und Spötter, als Teilnahmslose und Weggucker unter dem Kreuz, zugleich aber auch als Geschlagene und Verletzte.
Ein Passionslied beginnt mit den Worten: Ich grüße dich am Kreuzesstamm. Wir grüßen ihn, weil wir in seinem Weg ans Kreuz etwas wieder erkennen, was uns dunkel ist, aber zugleich auch bekannt und vertraut erscheint.
Jesus als der Gekreuzigte, der Leidensträger ist vielen Menschen in ihrem Leid, auf ihren Kreuzwegen vertraut geworden. 
Das Kreuz Christi ist für uns zu einem Anlaufpunkt geworden, an dem wir grüßend vorbeiziehen mit unseren eigenen kleinen und größeren Kreuzen, die wir tragen.  Das ist auch der tiefere Sinn der vielen Wegkreuze, die wir in Süddeutschland noch überall antreffen. Wir schauen auf den, der die Last und die Zerrissenheit der Welt getragen hat und gewinnen so Kraft, das uns Auferlegte zu tragen. Wir schauen ihn grüßend an und vertrauen, dass er uns bereits die größte Last, all die Unversöhntheit unseres Lebens, abgenommen hat.

Das Kreuz ist für uns zum Bild geworden für all das, was wir täglich abfangen müssen, wo wir uns ausgeliefert fühlen, wo mit uns etwas gemacht wird, was wir nicht wollen.
Es ist ein Bild für unsere Lasten unser Leid, aber auch für unser Schuldigwerden, wenn wir den Anderen auf etwas festnageln, ihn aufs Kreuz legen.
Das Kreuz Christi ist eine Wunde, die niemals zuheilt, solang die Welt besteht. Deshalb trägt auch der Auferstandene noch die Wundmahle des Gekreuzigten. Die Wunde bleibt offen, denn durch seine Wunden sind wir geheilt, heißt es im 1. Petrusbrief. Jesus hält seine Wunden bis heute offen, damit wir  durch sein Blut gereinigt werden. Er ist der auf den Tod verletzte Heiler. Seine Heilkraft verbirgt sich in seinen tödlichen Wunden.
Wie am Kreuz das Blut Jesu aus seinen Wunden strömt, so verströmt er sein Leben unter die Menschen.
Er verschenkt sein Leben in dem Heil, der Freude die er schenkt.
Und er verschenkt sein Leben in dem Leiden, daß er trägt  und dem Tod, den er stirbt.
So kann er bis heute jedem von uns so nah sein. Ich kann seine Stimme hören, die mir zuspricht:
So wie ich mit dir und für dich leide und sterbe, so werde ich für dich und mit dir auferstehen.

Jesus stirbt mit einem Schrei und ruft: Eli, Eli, lema sabachtani?, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Den Spott, den Schmerz, die Entwürdigung hat er ertragen. Aber die Gottverlassenheit, läßt ihn schreien. Er der sich eins wusste mit seinem Vater im Himmel, wie sonst kein Mensch vor ihm und nach ihm; spürt in seinem Sterben die tiefste Verlorenheit, in die ein Mensch kommen kann.
Und dennoch, - und das ist das tiefe Geheimnis unseres Glaubens - nirgends sonst ist uns Gott näher gekommen, als gerade dort am Kreuz.
Dort am Kreuz macht sich Gott ganz eins mit dieser Welt. Er steigt mit Jesus in die letzte Tiefe menschlichen Lebens.
Gott lässt zu, dass mit Jesus ein Teil von ihm selbst, was an seinem Herzen liegt, stirbt. Er nimmt unsere Dunkelheit ganz auf sich, damit er uns an unserem Herzen berühren und heilen kann. 
Dort am Kreuz wird Gott zum sterbenden Erlöser.

Als Jesus seinen Geist aushaucht und verschied ereignen sich merkwürdige Dinge:
Der Vorhang im Tempel zerreißt. Er steht für die Grenze zwischen der Welt und Gottes Heiligkeit. Er ist nun zerrissen. Das  Kreuz ist zur Brücke der Versöhnung über die Abgründe dieser Welt und zwischen Himmel und Erde geworden.  
Weiter wird berichtet: Die Erde bebt, Steine wanken, Felsen zersplittern. Das Gefüge der Welt gerät aus dem Gleichgewicht, wenn Jesus, der wahre Gerechte, das Lamm Gottes, an das tiefste Unrecht verfällt. Sein Tod ist wahrhaft welterschütternd. In ihm bündeln sich all das himmelschreiende Unrecht unserer Welt und die Abgründe menschlichen Tuns.

Unter den vielen Blinden unter dem Kreuz gibt es einen hellsichtigen Menschen, der etwas von den tieferen Zusammenhängen des Geschehens etwas erfasst. Er steht für uns als die glaubende Gemeinde unter dem Kreuz. Es ist ein Fremder, ein römischer Hauptmanns, der staunend und berührt ausruft:
Wahrhaftig, das war Gottes Sohn
Er hat wohl etwas davon erkannt, wie aus dem tiefsten Leiden eine gewaltige Kraft aufsteigen kann, wie im Verlöschen von Leben, Gottes Ewigkeit am Horizont aufleuchtet.

Als Gemeinde verbindet uns mit dem Hauptmann dieses Bekenntnis: Wahrhaftig, das war Gottes Sohn.
In dem Glauben, daß man Gott an einem Kreuz sterben sehen kann, liegt eine unvorstellbare Sprengkraft, so groß, daß sie Gräber sprengt und Tote lebendig macht.


Stefan Wohlfarth

 



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