»Es weiß gottlob ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei« - sagte Martin Luther im Jahre 1537. »Ich wünschte, ich wäre dieses Kind«, meint 1973 ein Professor für Biologie.
Was Kirche ist, ist heute offenbar unklar. Für den einen ist Kirche »Heimat«, vertraute Geborgenheit, Wegweiserin, Ort des Zur-Ruhe-Kommens. Für den anderen ist sie selbstverständliche Gewohnheit, Begleiterin aus der Distanz, gelegentlich aufgesuchter Ort der Vergewisserung, feierlicher Rahmen für Höhepunkte des Lebens; für den dritten ist sie Stätte der Begegnung, der Auseinandersetzung und der Reflexion, Quelle mannigfacher Impulse, des Engagements und der Aktivität.
Und seit ein paar Tagen sollen wir nach den Vorstellungen des jetzigen Papstes gar keine Kirche mehr sein, sondern nur noch eine kirchliche Gemeinschaft. Ich weiß nicht, wie Ihre Reaktion auf diese Äußerungen aus dem Vatikan war und ist. Meine deckt sich ziemlich genau mit der von Friedrich Schorlemmer, der sagte: Uns hat der Papst in Rom schon seit 500 Jahren nichts mehr zu sagen.
Recht hat er, aber trotzdem tun mir solche Äußerungen der Glaubenskongregation fast körperlich weh. Denn seit vielen Jahren pflegen wir hier an der Basis eine lebendige Ökumene.
Das soll alles nicht mehr stimmen?
Aber halt, erwarten Sie von mir jetzt keine polemische Auseinandersetzung mit Papst Benedikt XVI.
Wer sich mit anderen Meinungen und Stellungen auseinandersetzen und auch abgrenzen will, der muss zu erst wissen, wer er selber ist, was er selbst will und für wichtig hält.
„Hier stehe ich und kann nicht anders.“ hat Martin Luther auch erst sagen können, als er sich mit seiner Position hart auseinander gesetzt hatte. Wie schwer ihm dieser Weg der Erkenntnis geworden ist, sollten wir uns immer wieder klar machen. Wer oder was ist die Kirche?
Diese Frage muss ich mir als Pastorin immer wieder stellen.
Und nicht nur wir Hauptamtlichen, sondern auch Sie müssen sich täglich damit auseinandersetzen. Heute und in den beiden nächsten Sonntagsgottesdiensten möchte ich mit Ihnen gemeinsam dieser Frage nachgehen. Am Ende der Predigt kann ich dann sagen: Fortsetzung folgt.Begeben wir uns auf den Weg zur Kirche, zu unserer Kirche. Begriffe leben von ihren Übersetzungen in das Leben. Kyriake heißt Kirche auf griechisch. Aber auch ekklesia heißt Kirche und nicht nur eine Versicherung. Wenn ich aber genau bin, dann heißt ekklesia Gemeinde und auch Versammlung, Zusammensein. Wir sollen Gott loben in den Versammlungen. Klingt ungewohnt, stimmt aber.
Und da kommen auch unsere hebräischen Wurzeln zum Tragen. Das hebräischen Vorbild des griechischen Wortes bezeichnete man die »Versammlung des Volkes Gottes«. Es geht also um das Volk Gottes, Gottes auserwähltes Volk.
Nach dem Neuen Testament ist die Kirche die Gemeinschaft von Menschen, die von Jesus Christus ergriffen sind und von ihm zusammengehalten werden. Hier wird der Begriff schon viel weiter, internationaler.Gehen wir zu den Quellen unserer Kirche und lesen im NT nach. Dort stehen keine allgemeingültige Definitionen von Kirche, sondern verschiedene, einander ergänzende Bilder, Begriffe und Namen:
Lukas und Paulus betonen die Tischgemeinschaft, das Abendmahl;
Johannes sieht die Gemeinschaft der Christen als Herde von Gläubigen unter einem Hirten Jesus;
Paulus schreibt in seinem 1. Brief an die Korinther:
„...ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau.“ Da kann ja noch was Gutes draus werden.
Auch lesen wir von einer besonderen Hochschätzung und Nähe der Kirche zu Gott, wenn es heißt, wir sind Gottes Tempel und Gottes Haus. Es auch sehr liebevoll, fast zärtlich wird von der Kirche als Braut Christ gesprochen. Die Kirche gibt es nicht. Wir gehören nicht zur Kirche, wir sind die Kirche. Mit allen Stärken und Schwächen. ,,Was mich meiner Kirche heute verbindet ,ist die Tatsache, dass sie sich mit einer Botschaft abmüht, die, weil sie menschlich ist, uns immer wieder überfordert. Eine Kirche, die an ihrer eigenen Aufgabe immer wieder scheitert, fasziniert mich. Sie zeugt damit auf eine menschliche Weise für den, in dessen Auftrag sie steht." Das sagte ein Politiker, ein Sozialdemokrat und Mitarbeiter im Kirchentag Erhard Eppler. „Ich glaube die eine, heilige, allgemeine und apostolische Kirche“ so lesen und beten wir es im Glaubensbekenntnis von Nicäa. Dieses Glaubensbekenntnis steht im Gesangbuch und wir beten es an besonderen Feiertagen „Ich glaube die eine, heilige, allgemeine und apostolische Kirche“ Und damit sind die vier Merkmale der Kirche angesprochen. So wie Jesus sie wollte und wie sie sein sollte. Jesus versprach das Reich Gottes und bekommen und geschaffen haben wir die Kirche. Theorie und Praxis sind auch bei uns selten identisch. Immer wieder muss sich die Kirche an diesen vier einfachen Massstäben messen lassen. Und das das nicht leicht ist und auch manchmal unmöglich erscheint, erleben wir jetzt mit der Quasi-Aufkündigung der Christlichen Gemeinschaft mit der römisch-katholischen Kirche.
Sehen wir uns den Anfang das Credos genauer an:
Weil die Christen an den einen Herrn glauben, ist die Kirche ihrem Wesen nach eine.
Die Spaltung in Konfesionen widerspricht dem und doch gibt es eine geistliche Einheit trotz der Trennung, und die müßte deutlich gemacht werden. Denn es sollte die Einheit in der Verkündigung des Evangelums, in den Sakramenten und dem Dienst der Kirche sein. Heilig ist nach biblischer Auffassung alles, was zu Gott gehört. Kirche ist dann heilig, wenn sie der Raum ist, in dem Gottes Geist die Menschen ergreift. Dann sind wir eine Gemeinschaft der Heiligen. Aber ohne den sichtbaren Heiligenschein.
Allgemein oder katholisch ist die Kirche, wenn sie ihren Auftrag auf die ganze Menscheheit, auf die ganze Erde bezieht. Auch wir sind in diesem Sinne katholisch als lutherische Christen. Denn auch Martin Luther übersetzte katholisch mit christlich, allgemein. Römisch-katholisch als Konfessionsangabe gibt erst seit dem 19. Jahrhundert. Also gar nicht so lang.
Apostolisch ist auch wieder so ein Wort, das von der Übersetztung lebt. Apostolisch ist die Kirche, weil Gott uns in die Welt gesandt hat, um sein Evangelium zu verkündigen und vorallen Dingen zu leben.
Aber wenn wir apostolsch nur auf die direkte Sendung durch Jesus und Petrus beziehen, dann wird es wieder eng. Und es kommt zu einem Alleinvertretungsanspruch des Papstes für sich und die römisch-katholische Kirche. Kirche ist mehr als nur ein Haus, eine Versammlung oder eine Institution. Kirche ist lebendige Gemeinde. Sie ist eine feiernde, eine predigende, eine betende Gemeinde. Kirche ist eine lesende, eine wartende, zahlende und lobende Gemeinschaft.Das ist viel und mehr als unsere Sinne begreifen können, jedenfalls auf einmal. Am nächsten Sonntag lade ich Sie recht herzlich ein, mit mir gemeinsam den Weg zu unserer Kirche zu gehen und zu bedenken, was Gottes Wort in Menschen Mund bedeutet.
Die Predigt soll uns in der Predigt beschäftigen.
Vielleicht können wir dann sagen:
»Es weiß gottlob ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei« und wir sind solche Kinder.
Amen