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Predigt zur Jahreslosung 2011

 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“
Römer 12,21

Pfarrer Stefan Wohlfarth, am 2. Januar 2011 in der Jakobuskirche Ilmenau


Das Böse… damit will man sich nicht unbedingt als erstes im neuen Jahr befassen. Das Böse…das klingt erstmal sehr groß, unbestimmt…
Was ist das Böse?  Wer kann das so genau sagen?
Wo steckt es das Böse?  Wo zeigt es sich in meinem Leben?
Das Böse ist oft auch das Gute, das man unterlässt. 
Die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft nicht zwischen Staaten, politischen Parteien, sondern direkt durch jedes menschliche Herz. Sagt A. Solschenizyn
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.  Römer 12,21
Wir suchen das Böse  gern außerhalb von uns. Wir haben es gern möglichst weit weg. Bei Diktatoren, von denen wir im Fernsehen hören, bei Verbrechern von denen wir in der Zeitung lesen, bei abnorm erscheinenden Gewalttätern, wo wir uns schaudern und froh sind, dass wir doch so schön normal sind, kleinlichen Nachbarn, die uns ärgern….
Dabei wächst Böses oft aus unscheinbaren Dingen: Es mischt sich unter. Viele kleine Gifte, zersetzen unsere Beziehungen. Eine Lapalie erzeugt den Ausraster.
Aus scheinbaren Kleinigkeiten  entstehen ausgewachsene Bosheiten.
In der christlichen Tradition werden 7 Wurzelsünden genannt, aus denen Bosheit entsteht: Unsere Gleichgültigkeit, die Trägheit des Herzens Stolz oder Geltungsdrang, Neid oder Mißgunst, Hochmut, Zorn, Unmäßigkeit oder Unkeuchheit…das alles sind Einstellungen, die uns dazu verleiten, dem  Bösen nachzugeben.
Der heutige, aufgeklärte Mensch weiß natürlich, daß das Leben nicht nur aus „Schwarz und Weiß“ besteht, sondern aus vielen Graustufen. Doch unter dem Grau schimmert dennoch das Schwarze durch. Mitunter kommt es auf dramatische Weise zum Vorschein. Wenn wir nach Weihnachten in der Zeitung lesen, dass ein Mann, der mit drei Frauen gleichzeitig in Beziehung lebt, eine seiner Gefährtinnen, hochschwanger ermordet.
Wir alle haben es vielleicht schon einmal erlebt, das wir an einer Grenze standen, wo wir beinahe einen Schritt zu weit gegangen wären, in einem Streit. Wo ein Wort mehr ausgereicht hätte, um damit viel zu zerstören und einen bösen Schatten in die Welt zu setzen. Hinterher sind wir erschrocken, wie dicht wir dran waren, uns vom Bösen überwinden zu lassen.
Um das Böse zu erkennen und zu überwinden, brauchen wir aber auch ein starkes Empfinden für das, was gut ist. Und das Gute braucht einen Raum in unserem Herzen. Christen sollten Menschen sein, die Gottes Güte im Leben entdecken, bestaunen und sich daran erfreuen können.  Und der Maßstab für das Gute, für die Güte Gottes, das ist Christus.
Unsere Fähigkeit gut zu sein, setzt voraus, dass wir das Leben als gut empfinden und  annehmen können. Dass wir Freude empfinden können. Dass Liebe in unserem Leben ist.  
Wer weiß, wo Licht in sein Leben fällt, der erkennt auch die Schatten. Der kann Böses erkennen und überwinden.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden
Lass dich nicht…!Halte stand….
Sei auf der Hut!
Auf der Hut vor dem Bösen muss ich sein im Streit. Manchmal geht es nicht ohne Streit. Aber es gibt da eine Grenze. Wo werde vom Zorn beherrscht, wo werde ich verletzend, setze den anderen herab…
Auf der Hut vor dem Bösen muss ich sein, wenn
ich in Belastung stehe. Bei uns Zuhause steigt das Streit- und Verletzungsrisiko mit dem Stress, den ich habe. Wenn ich mich belastet fühle, bin ich oft nicht mehr frei und souverän. Da bin ich befangen und reizbar. Bin nicht mehr in mir ruhend, sondern voller Spannung. Wehe, wenn die sich an der falschen Stelle entlädt.
Auf der Hut vor dem Bösen muss ich sein, Wenn ich den Besserwisser heraushänge. wenn ich urteile, wenn ich mich sehr im Recht fühle. Damit ich nicht gleich verurteile…
Aus dem Gefühl Recht zu haben, bzw. unter einem Unrecht zu leiden kann viel Böses entstehen.
In meiner letzten Gemeinde besuchte ich öfter eine alte sehr gläubige Dame. Von ihr ging eine große Wärme und ein feiner Geist aus. Doch eines Tages erzählte sie mir von ihrem großen Kummer.
Sie hatte einen Sohn und eine Tochter. Als ihr Mann noch zu DDR-Zeiten starb, ging es um die Verteilung des Erbes. Der Sohn zog aus damaliger Sicht das große Los und bekam das Auto, den fast neuen Wartburg, des Vaters. Da die Tochter noch im elterlichen Haus wohnte, bekam sie das Haus. Aus damaliger Sicht manchmal eher eine Last als ein Reichtum. Alle waren zufrieden.
Doch nach der Wende änderte sich das grundlegend. Das Haus hatte auf einmal einen großen Wert, während auf das Auto der Schrottplatz wartete. Der Sohn stellte Forderungen, die die alte Dame nicht erfüllen konnte mit ihrer kleinen Rente. Die Tochter fühlte sich im Recht.
Der Sohn brach jeglichen Kontakt zur Mutter ab, reagierte nicht auf ihre Briefe, auf Geschenke…Immer wieder versuchte sie eine Brücke zu bauen, das Böse mit Gutem zu überwinden.  Doch der Sohn strafte seine Mutter, die der Situation hilflos gegenüberstand mit seinem Zorn und mit Beziehungsentzug.
Diese böse Last trug die alte Frau, solange ich sie begleitete.
Neid, Habsucht, Missgunst, Zorn haben so eine Familie zerstört.
Wir alle wissen, das sind keine Einzelfälle. Mit solchen Situationen werde ich immer wieder konfrontiert.
Dahinter sehe ich bei vielen Menschen eine ganz starke Gebundenheit an den Mammon, wie Jesus sagt, an Besitz und Geld.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.       
Das Böse meiden, das bekommen wir mitunter noch ganz gut hin. Wir gehen ihm wenn möglich  aus dem Weg.
Aber das  Böse mit Gutem überwinden, das ist schon eine echte Herausforderung. Das ist geradezu wider die Natur.
Dazu braucht es ein in Gott ruhendes Herz. Es braucht den Frieden Christi, der meinen Geist durchdringt, sein Licht, dass unser Leben erleuchtet. Es braucht den Geist der Klarheit, der mich in einer Weise geistesgegenwärtig macht, dass ich mich selbst und andere überraschen kann mit Gutem.
Dabei muss das Gute nicht immer im Nachgeben bestehen. Aber ich kann dem bösen Anspruch, der bösen Regung des Anderen auch widerstehen, in dem ich aus einem hellen Geist heraus reagiere.
Haben sie das schon mal versucht, auf einen wütenden Menschen, mit Freundlichkeit zu zugehen und sich nicht von seiner Wut anstecken zu lassen?
Ist es ihnen schon mal gelungen, einem Gewaltbereiten mit offensiver, vielleicht sogar entwaffnender Friedfertigkeit zu begegnen.
Jemanden, der einen gerade unbedingt verletzen will, eine Brücke zu schlagen.
Einem, der mich gerade tierisch nervt mit einem offenen und doch freundlichen Wort gegenüber zu treten.
Nach einem Streit, dass erste versöhnende Wort zu finden.
Sich auf den Weg zu dem Nachbarn zu machen, der  mich gerade ganz blöd angegangen ist, bei ihm zu klingeln und ihm ein großherziges Angebot zu machen, was den Streit aus der Welt schaffen kann?
In uns allen lebt so ein tief verankertes Gefühl, dass sagt uns: Ich habe doch recht. Der andere Unrecht. Und ich muss mein Recht durchsetzen.
Dieses Rechthabebewußtsein loszulassen, fällt uns schwer. Schließlich hab ich ja Recht. Manchmal haben wir ja wirklich recht, behaupte ich mal.
Aber es nutzt uns einfach oft nichts, Recht zu haben. Mit der Frau bin ich trotzdem noch zerstritten oder mit dem Kind. Mit dem Nachbarn oder dem Kollegen.
Ich muss auch nicht so weit gehen, zu sagen, der andere hat recht. Mich sozusagen künstlich klein machen und ins Unrecht setzen. Aber dieses umtreibende Gefühl in mir, dass mir sagt. Dir ist Unrecht getan wurden. Du musst reagieren. Du musst auf dein Recht bestehen. --- Das darf ich loslassen. Das kann ich abgeben. Das bekommt der Herr…Der hat um unseretwillen auch auf sein Recht verzichtet.  Ich leg mein Recht unter sein Kreuz.
Sein gutes Recht loszulassen -
Das kann schwer sein, gerade zu unmöglich erscheint es manchem.
Und doch, es ist der Weg den Christus uns zeigt.
Das Böse mit Gutem zu überwinden, das ist schwer.
Ich muss erst einmal selbst vom Guten überwunden sein. Da brauche ich Ihn, Christus, seine Nähe, seinen Geist, seinen Einfluss, damit er mein Denken formt und wandelt.
Ich brauche das Gespür dafür, dass Gottes Güte mein Leben trägt, dann kann ich den anderen ertragen, böses überwinden.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

D. Bonhoeffer sagt: Ich glaube, daß Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Das alte Denken – Wie du mir, so ich dir, was bekomme ich dafür? Was bringt mir das? – wird von einem neuen Denken abgelöst.
Weil ich aus der versöhnenden Kraft Jesu lebe, kann ich selbst ein Versöhner sein.
Weil ich mit seiner Liebe lebe, kann ich in jedem Menschen ein geliebtes Gotteskind sehen und großzügig sein.
Ich kann Böses überwinden, weil das hellste Licht in mir lebt, weil der Überwinder allen Bösen, an meiner Seite geht.
Christus lebt in mir. Seine Güte begleitet mich.
Amen.

Gebet

Gott aller Güte,
Liebe, die uns erfüllt
-    wir danken dir, dass wir aus deiner Güte leben und dass deine Liebe uns begleitet und stark macht, dem Bösen zu widerstehen
Wir bitten
-    für alle, die der Bosheit anderer Menschen und Mächte ausgeliefert sind, sei es in Familien , am Arbeitsplatz oder im großen Weltgeschehen
-    für Menschen, die unter Hass und Gewalt leiden, unter Verhältnissen, die Böses hervorbringen
-    für uns selbst, um die Kraft deiner Liebe, dass wir Böses durch Gutes überwinden. Dafür gib uns deinen Geist.
Amen.



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