Die Walcker-Orgel

Die Walcker-Orgel der Ilmenauer St. Jakobuskirche wurde von der Firma E. F. Walcker & Cie erbaut und am 25. Juni 1911 in einem Festgottesdienst feierlich geweiht. Sie ist Thüringens zweitgrößte Orgel und gehört zu den bedeutenden Instrumenten im mitteldeutschen Raum. Schon ihre Größe ist beeindruckend: Auf drei Manuale und Pedal verteilen sich 65 Register. Fünf der Pedalregister sind Transmissionen aus Schwell- und Hauptwerk, beim Register „Glockenspiel” wird ein Metallophon angeschlagen. Der Stimmton liegt mit a' = 435 Hz deutlich unter dem heute üblichen. Die Orgel hat Taschen- und Kegelladen. Ihre elektropneumatische Traktur war zum Bauzeitpunkt eine brandneue, moderne Technik.

Walcker-Orgel
Walcker-Orgel

Besonders hervorhebenswert sind die hohe handwerklich-künstlerische Qualität sowie das Klangkonzept und dessen konkrete Verwirklichung. Nicht nur der breit ausgebaute Grundstimmenbereich sondern auch dessen Koppelung mit klassischen Stilelementen ist faszinierend und überzeugend. In jedem der 4 Werke gibt es einen voll ausgebauten Prinzipalchor. Sowohl Prinzipale als auch weit mensurierte Register, als auch Streicher, als auch Zungenstimmen können, oft als Gruppen, werkweise gegenübergestellt werden. Es gibt besondere Stimmen wie z. Bsp. das "Cornett" (Nr. 14), die Aliquoten oder die "Gemshornregister" (Nr. 7 und 11). Die Dynamik reicht von den leisesten Tönen der Äoline im geschlossenen Schwellwerk bis zum gewaltigen vollen Werk mit Super- und Suboktavkoppeln. Für die Superoktavkoppeln sind in Positiv und Schwellwerk die 16-, 8- und 4-Fußstimmen bis zum a'''' ausgebaut.

Erhellend für die dem Instrumentenbau zugrunde liegende Ästhetik ist die ausdrückliche Erwähnung von Johann Sebastian Bach, Gottfried Silbermann und Max Reger in der Festschrift zur Orgelweihe von 1911.

Der damalige Firmenchef Oscar Walcker erbaute eine Orgel, deren Klang durch den Einfluss der elsässisch-neudeutschen Orgelreform geprägt ist: Der Straßburger Organist Émile Rupp, aber auch der eher als Arzt, Philosoph und Theologe bekannte Albert Schweitzer entwickelten die Idee einer französisch-deutschen Orgelsynthese, die in der Jakobuskirche sofort auffallen und hörbar werden. Mit Émile Rupp hatte der Initiator des Ilmenauer Orgelbaus, der Organist Edwin Schmuck, regen Kontakt in der Phase der Orgelplanung. So wird die deutsch-französische Konzeption im zungendominierten Schwellwerksklang oder in den von den französischen Appels inspirierten Einführungstritten sichtbar. Auch die Nomenklatur verdeutlicht dieses Phänomen: Das französische „Basson" (Nr.65) klingt genau wie die "Trompête harmonique" (Nr. 66) einträchtig mit der deutschen "Oboe" (Nr. 76) oder dem "Lieblich Gedackt" (Nr. 55) zusammen. Bei allen Verschmelzungseffekten wird das Instrument jedoch keineswegs zum musikalischen Bastard, sondern besitzt trotzdem ein unverwechselbares Gesicht, eine eigene Klangpersönlichkeit.

Einen großen Anteil daran hat die meisterliche Renovierung durch die Orgelwerkstatt Christian Scheffler aus Sieversdorf (Frankfurt/O.), die 1993 abgeschlossen wurde. Die bis dahin vorgenommenen Veränderungen an Pfeifenwerk und technischem Apparat wurden dabei wieder rückgängig gemacht und der Zustand des Jahres 1911 weitgehend wiederhergestellt. Die Intonateure Matthias Ullmann und Tino Herrig bewirkten im klanglichen Bereich geradezu Wunder: Nur sehr selten findet man bei einer Orgel um 1900 eine solch edle und ausgeglichene Intonation.

Die üppige sinfonische Anlage, die Fähigkeit zum Kammermusikalischen, Farbigkeit, Klassizität, Adel von Einzelstimmen und Aliquoten, Wucht und Transparenz im Pleno, Zartheit und Präsenz, dynamische Flexibilität, Sinnlichkeit der Streicher, Flöten- und Zungenstimmen, eine schier unendliche Zahl von Kombinationsmöglichkeiten der Register (man könnte diese Liste problemlos weiter fortsetzen) – all dies macht die Orgel der Ilmenauer St. Jakobuskirche zu einem Instrument, das die Darstellung der meisten Orgelwerke ab der Bach-Zeit ausgesprochen erfreulich macht. Für die Kompositionen Regers und einen Großteil der Musik des späten 19. und des 20. Jahrhunderts - wenn die Musik nicht gerade die Schleiflade oder konzeptionelle Ideen der 2. Orgelbewegung erheischt - dürfte die Ilmenauer Walcker-Orgel ein ideales Klangmedium sein.

Quelle: walckerorgel-festival.de

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